KONZEPT

S C H N I T T ist eine installative Soundperformance der beiden Augsburger Klangkünstler Moritz Illner und Markus Christ.

Mit E-Gitarre, Trompete, Effektgeräten und Schlagzeug werden behutsame bis harsche Soundversatzstücke improvisiert und gleichzeitig auf höchst unkonventionelle Art zu einer eindrucksvollen „Wall of Sound“ verdichtet. Ausgehend von einem Loop-Prinzip fräst Moritz Illner die von Markus Christ erzeugten Töne, Geräusche und Harmonien live mit einer Schallplatten-Schneidemaschine in Vinyl. Der so entstandene Tonträger fließt anschließend von einem Plattenspieler abgespielt, als zusätzliche Tonspur in den Konzertprozess mit ein. Hierin unterstützt er – quasi als weiterer, virtueller Musiker – das fortlaufende Spiel des studierten Trompeters/Gitarristen Christ.

Nachdem deren klangliche Interaktion ebenfalls auf Vinyl gebannt wurde, wird auch dieser zweite Tonträger abgespielt, kompositorisch integriert und erneut die Summe von Instrument und Mitschnitt aufgezeichnet. Dieses „Over-Dub“-Schema wird von Mastering Engineer Illner so lange weiterverfolgt, bis die entstanden Klangarchitekturen ihren atmosphärischen Höhepunkt erreicht haben. Mit einem gleichermaßen furiosen wie reduzierten Schlagzeug-Set endet die Performance abrupt.

Stilistisch arbeiten sich Christ und Illner von einem zurückhaltenden Beginn zu einem komplexen Finale vor. Dessen Vorstufen sind bei maximaler Intensität stets so subtil wie vertrackt. Ihre repetitiven Soundschleifen erinnern an Free Jazz, sind an Noise und Industrial geschult und von Musique concrète als auch von Minimal Music beeinflusst. Markus Christs’ virtuos-souveränes Agieren lässt ihn dabei weit aus der breiten Masse „Genialer Diletanten“ – an denen die elektronische Experimental- und Improwelt bekanntermaßen nicht gerade arm ist – herausragen.

Das Besondere, der heimliche Star des Auftritts jedoch ist die Vinyl-Fräse Illners’. Mit ihrer Zweckentfremdung wurde ein so auratischer wie analoger Weg gefunden musikalische Waghalsigkeit und Konzeptkunst zu vereinen. Ihr massiver, industrieller Anblick (Ist es eine Fabriknähmaschine? Ein Gerät zur Aluminiumbearbeitung?) gemahnt an eine Metallwerkstatt und wirkt sowohl auf Konzertbühnen wie auch in Galerie-White-Cubes angenehm irritierend. Mit Hilfe der Maschine schaffen es Christ/Illner insofern den Begriff vom „Kunsthandwerk“ in zwei Hälften zu „cutten“, als dass S C H N I T T die Produktion von „Kunst“ im wahrsten Sinne wörtlich nimmt. Jenseits von nerdigem Spezialistentum, aber auch ohne Rückgriff auf männliches Instrumentalgeprotze lässt der eine beim Schneiden der Platten lustig die warmen, schwarzen Plastikhobelspäne fliegen, während der andere sich leidenschaftlich die Finger wund spielt.

Ein ganzer Produktionsablauf (Spielen, Aufnehmen, Vervielfältigen) wird en miniature so plastisch dargestellt – man möchte am liebsten hinfassen, eingreifen und mitmachen. Der Entstehungsprozess von Musik wird hier nicht nur zu einer auditiven, sondern beinahe auch zu einer haptischen Erfahrung. Gleichzeitig hinterfragt die Performance im besten Benjamin’schen Sinne die Wirkungsstrategien von Aura und Authentizität. Lässt sich die Magie des Augenblicks auf einer der sechs, während der Show entstandenen (kopierbaren) Schallplatten festhalten? Ist die Aura dieser Performance nun also doch reproduzierbar? Und, wenn nein: Wieso ist dann die Vervielfältigung eines kurzen, intensiven  Moments gerade die (technische) Vorraussetzung für das Gelingen von S C H N I T T?

Die entstandenen Tonträger sind gleichermaßen Unikate wie Bootlegs. Sie sind genauso Kunstweltartefakte, wie sie auch Verweise auf die vergangene, oftmals illegale Praxis des Mitschneidens von Rock- und Popkonzerten sind. Sie sind so einzigartig wie sie in ihrer Multiplizierung wertlos bzw. zum Geschäftsmodell oder gar zum Fetisch werden würden. Nicht nur auf materialästhetischer Ebene reiht sich S C H N I T T deshalb nahtlos in die Reihe der Diskussionen um die Vervielfältigung von Musik, Urheberrechtsdebatten und nötigem bzw. unnötigem Horten von (un-)erlaubten Musikformaten.

Eine finale Antwort darauf kann und will die Performance natürlich nicht geben. Höchstens eine nicht unleise Ahnung davon, weshalb diese Diskurse – idealistisch gedeutet – dereinst angestoßen wurden: aus Liebe zur Musik als originäre Kunstform.